Luftschutz im Volkskundemuseum Wien
Betriebs- und Personenschutz
Im Volkskundemuseum Wien (VKM) wurde im August 1939 der vorgedruckte „Betriebs-Luftschutzplan“ (Abb. 1) gemäß „erweitertem Selbstschutz im Luftschutz“ (Abb. 2) ausgefüllt. Der damalige, regimefreundliche Museumsdirektor Arthur Haberlandt (1889–1964) gab sich zunächst selbst als „Betriebsluftschutzleiter“ an. Der Betriebsluftschutzleitung unterstanden eine Stellvertretung und weitere Hilfskräfte aus dem Museumsteam. Sie alle mussten nachweislich spezifische Luft- und Brandschutzschulungen absolvieren (Abb. 3). Im Fall eines Luftangriffs waren von diesen geschulten Angestellten Aufgaben nach einem vorgefertigten Ablauf zu erledigen (Abb. 4).
Das Luftschutzpersonal variierte über die Dauer des Krieges, weil männliche Mitarbeiter zum Kriegsdienst einberufen wurden. Während Haberlandt eingezogen war, übernahm seine Ehefrau Maria (1887–1978) die Verwaltungs- und Kanzleigeschäfte des Museums1 sowie die Funktion als Betriebsluftschutzleiterin. Das VKM glich allgemein einem Familienbetrieb: Haberlandt war ab 1924 als Museumsdirektor Nachfolger seines Vaters Michael (1860–1940). Seine beiden Kinder Wolfgang (1922–1945) und Gertrude (1923–2016) arbeiteten ebenfalls mit. Der in den letzten Kriegstagen gefallene Wolfgang Haberlandt war bereits als möglicher Nachfolger aufgebaut worden.
Grundsätzlich sollte der „Betriebs-Luftschutzplan“ bis Kriegsende immer wieder hinsichtlich Belegschaft sowie der vorhandenen Luftschutzbauten und -geräte aktualisiert werden. Obwohl einiges an Ausrüstung notwendig war (Abb. 5), hat sich keines der damals im Museum verwendeten Utensilien erhalten. Nur drei Objekte in den Sammlungen verweisen noch auf Luftschutzmaßnahmen während des Zweiten Weltkrieges: eine Bedienungsanleitung für eine Luftschutzmaske, eine Luftschutzlampe (Abb. 6) und ein „Volksempfänger“ (Abb. 7). Solche Luftschutzlampen2 wurden auch im Museum genutzt und dienten – neben Jalousien – den verordneten Verdunkelungsmaßnahmen (Abb. 8). Über einen eigenen „Volksempfänger“, über den das NS-Regime seine ideologischen Indoktrinationen verbreitete, verfügte das Museum erst nach Mitte 1944. Bis dahin gab es kein Radio, „mit dem bei Ausschaltung des normalen Rundfunkempfanges die Nachrichten über Luftgefahr abgehört werden […]“ 3 konnten.
Ab Mai 1943 wurden die Museumsangestellten durch ein siebenköpfiges „Wehrmachtshilfskommando“ unterstützt, welches nachts die Brandwache übernahm.4 Im Notfall gab es zudem eine Unterstützungserklärung der nahegelegenen Gaudienststelle der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ in der Laudongasse 16 (8. Bezirk) sowie die Möglichkeit, Hilfe bei der in der Nähe gelegenen Polizeidienststelle anzufordern.5 Diese Dienststelle in der Fuhrmanngasse 8 (8. Bezirk) war in Sachen Luftschutz für das Museum zuständig. Sie genehmigte den „Betriebs-Luftschutzplan“ und ordnete Luftschutzübungen an.6








Objektschutz
Im Juli 1939 wurde bei einer Luftschutzbesprechung bekannt gegeben, dass die Wiener Museen ihre Objekte so bald wie möglich in drei Priorisierungskategorien – A, B und C – einteilen müssen (Abb. 9).7 Das hatte zur Folge, dass im VKM – dessen Objekte der Direktor vor allem der Kategorie B zuordnete – schnellstmöglich ein eigener Luftschutzkeller eingerichtet wurde.8 Die Maßnahmen zur Objektsicherung wurden ab Mai 1942 mittels Erlässen auf Reichsebene (höchste Ebene der NS-Verwaltung) weiter vorangetrieben.9 Im Museum wurden die vorgeschriebenen Vorkehrungen aus Mangel an Ressourcen als „stark belastend“ empfunden, aber umgesetzt (Abb. 10). Das Hauptaugenmerk lag zu dem Zeitpunkt auf der Bergung von Holzobjekten.10 Insgesamt setzten sich die Museumsbestände in den frühen 1940er Jahren aus schätzungsweise 45.000 Objekten sowie aus mehr als 10.000 Büchern zusammen. Diese Massen dienten Haberlandt 1943 auch als Argumentationsgrundlage in einem Antrag auf Schwerarbeitszusatzkarten für die Belegschaft im Zuge der Bergearbeiten.11
Trotz voranschreitender Objektsicherung war das Museum bis zum 13. August 194312 für Publikum geöffnet. Nach der Schließung wurden die Verpackungs- und Bergearbeiten intensiviert. Sie dauerten bis mindestens Dezember 1943.13 Nach zunehmenden Luftangriffen auf Wien beauftragte Haberlandt Ende Februar 1944 schlussendlich den schnellstmöglichen Transport einzelner Objekte in die zweite für das VKM vorgesehenen Ausweichstelle, Schloss Laudon (14. Bezirk).14 Als erste Ausweichstelle ist die Privatwohnung des Direktors (19. Bezirk) aufgeführt (Abb. 11). Ende März 1944 wurden erneut Objekte in den 14. Bezirk gebracht15, Anfang Mai 1944 vermeldete Haberlandt, „dass alle wesentlichen Bestände nunmehr nach Tunlichkeit luftschutzsicher untergebracht sind“.16
Laut den erhaltenen Objektverzeichnissen wurden 27 Holzobjekte nach Schloss Laudon überführt.17 Deren Rückführung wurde kurz nach Kriegsende veranlasst18 und bis spätestens Anfang Dezember 1945 erledigt.19 Laut den archivierten Aufzeichnungen verlor das VKM weder durch Luftangriffe noch durch andere Kampfhandlungen Objekte.
![Abbildung 9:Broschüre „Richtlinien für die Durchführung des erweiterten Selbstschutzes im Luftschutz. Anlage 6. Durchführung des Luftschutzes in Museen […].“, 1939; Archivkarton Luftschutz, Museumsarchiv © Volkskundemuseum Wien](/files/uploads/41/abbildung-9-1939_08_28_luftschutzrichtlinien-fr-museen-1_s1_kor.jpg)
![Abbildung 9:Broschüre „Richtlinien für die Durchführung des erweiterten Selbstschutzes im Luftschutz. Anlage 6. Durchführung des Luftschutzes in Museen […].“, 1939; Archivkarton Luftschutz, Museumsarchiv © Volkskundemuseum Wien](/files/uploads/41/abbildung-9-1939_08_28_luftschutzrichtlinien-fr-museen-2_s2_kor.jpg)
![Abbildung 9:Broschüre „Richtlinien für die Durchführung des erweiterten Selbstschutzes im Luftschutz. Anlage 6. Durchführung des Luftschutzes in Museen […].“, 1939; Archivkarton Luftschutz, Museumsarchiv © Volkskundemuseum Wien](/files/uploads/41/abbildung-9-1939_08_28_luftschutzrichtlinien-fr-museen-3_s3_kor.jpg)



Luftschutz- und Bergeräume
Die zum Personen- und Objektschutz notwendigen Luftschutzräume wurden unter anderem im 146 m² großen Kellergewölbe des Palais eingerichtet. Erste bauliche Maßnahmen wurden getroffen, um den Keller gas- und einsturzsicher zu machen. Außerdem wurde ein Brunnenschacht zugeschüttet, der Boden geebnet20 und vom Erdgeschoss aus eine „gestufte Schleifbahn“ zum Befördern der in Kisten verpackten Objekte „hergerichtet“21. Vorerst fertiggestellt war der Keller Anfang 1940 mit dem Einbau gasdichter Türen und Blenden (Abb. 12 und Abb. 13).22 Ab Juli 1941 verfügte er schließlich über eine eigene Fernsprechanlage und einen Notausstieg.23
Der Luftschutzkeller war für 70 Personen ausgelegt. Neben der Belegschaft und dem anwesenden Publikum flüchteten auch die benachbarten Bewohner*innen der Laudongasse 21 (8. Bezirk) dorthin.24
Zu Bergeräumen für Objekte wurden zunächst vier Räume im Erdgeschoss (Abb. 14), spätestens ab Februar 1943 waren im Luftschutzkeller25 und in der nicht mehr zu identifizierenden „Luftschutzhalle“26 Objekte gelagert.



Gebäudeschutz und Gebäudeschäden
Das Thema Brandschutz war in Bezug auf das Gartenpalais Schönborn und dessen historischen Dachstuhl ebenso von hoher Bedeutung wie auch in Hinblick auf die Lage im dicht bebauten 8. Wiener Gemeindebezirk. Demensprechend mussten vom VKM als Mieter des Palais Brandschutz- und Brandbekämpfungsmaßnahmen getroffen werden.27
Ab Mai 1943 war verbautes Holz laut polizeilicher Verfügung mit Feuerschutzmittel zu behandeln (Abb. 15). Eine andere Vorkehrung auf Anweisung der Polizei war ab Mitte 1943, den Brunnen im angrenzenden Schönbornpark und dessen Speicherbecken mit Wasser voll zu halten, um damit im Brandfall löschen zu können.28 Zudem wurden Wasserbottiche im Dachboden aufgestellt und befüllt.29
Trotz zunehmender Luftangriffe kam es während des Krieges zu keinen schwerwiegenden Gebäudeschäden: Im Juli 1944 berichtete Haberlandt von Flak-Splittern, die nach einem Luftangriff im Innenhof des Museums sowie im Museumsgarten gefunden wurden.30 Im September 1944 wurden „insgesamt 90 Außenfensterscheiben und eine Ventilationsscheibe durch Luftdruckwirkung zertrümmert […], [f]erner sind drei Fensterstöcke im Erdgeschoss herausgerissen worden“.31 Zudem wurden nach dem Bombardement fünf schadhafte Stellen am Dach entdeckt.32 Am 5. November 1944 zersplitterten wegen eines Bombenangriffs 220 Fensterscheiben und an zwei Stellen brachen Ziegel aus dem Mauerwerk.33


- Vgl. Herbert Nikitsch: Auf der Bühne früher Wissenschaft. Aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde (1894-1945). Wien 2006, S. 397.
- Vgl. Betriebs-Luftschutzplan des Volkskundemuseum Wien, gültig von 1939–1945, S. 61; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Siehe: Schreiben des Volkskundemuseum Wien an das Hauptwirtschaftsamt Wien vom 11. Juli 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Betriebs-Luftschutzplan des Volkskundemuseum Wien, gültig von 1939–1945, S. 65; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Betriebs-Luftschutzplan des Volkskundemuseum Wien, gültig von 1939–1945, S. 69; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben der Polizeidienststelle Fuhrmanngasse ans Volkskundemuseum Wien vom 20. Februar 1940; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Robert Mucnjak an Arthur Haberlandt am 25. Juli 1939; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Ebd.
- Erlässe vom 12. Mai und vom 4. Juni 1942 betreffend Luftschutz für Kunstwerke des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, vgl. https://alex.onb.ac.at.
- Vgl. Antrag auf Arbeitsurlaub für Karl Autolny vom 13. Juli 1942; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Antrag auf Schwerarbeitszusatzkarten an das Hauptwirtschaftsamt Wien vom 20. August 1943; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Verhandlungsschrift der Sitzung des Gesamtausschusses vom 2. Dezember 1943; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Aufzeichnung zu leistender Museumsarbeiten vom 20. Dezember 1943; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien an die Spedition Kirchner vom 23. Februar 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien an die Spedition Kirchner vom 29. März 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Siehe: Schreiben des Volkskundemuseum Wien an die Verwaltungsstelle staatlicher Museen vom 2. Mai 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Verzeichnis der geborgenen Objekte des Volkskundemuseum Wien in Schloss Laudon vom 30. April 1945; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien an Dr. August Loehr vom 3. Juni 1945; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Dankschreiben des Volkskundemuseum Wien an Oberleutnant Schultz vom 5. Dezember 1945; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien an die Magistratsabteilung 22 vom 20. Oktober 1939; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Volkskundemuseum Wien ans Ministerium für Inneres und kulturelle Angelegenheiten vom 2. Oktober 1939; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Auftragserteilung Fa. Viktor Otte & Co. vom 19. September 1939; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Bericht des Volkskundemuseum Wien an die Polizeidienststelle Fuhrmanngasse vom 21. April 1941; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Betriebs-Luftschutzplan des Volkskundemuseum Wien, gültig von 1939–1945, S. 69; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Bericht des Volkskundemuseum Wien an den Reichstatthalter in Wien vom 2. Februar 1943; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Ebd.
- Vgl. Bericht des Volkskundemuseum Wien an die Polizeidienststelle Fuhrmanngasse vom 21. April 1941; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien ans Generalamt für staatliche Kunstförderung Wien vom 20. Mai 1943; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Aufzeichnung zu leistender Museumsarbeiten vom 20. Dezember 1943; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien an das Hauptwirtschaftsamt Wien vom 11. Juli 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Siehe: Luftschutzschadensmeldung des Volkskundemuseum Wien ans Generalreferat vom 11. September 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Ebd.
- Vgl. Schreiben des Volkskundemuseum Wien an Dr. Holey vom 6. November 1944; Archivkarton Luftschutz, Archiv Volkskundemuseum Wien.
