massiv unsichtbar
Erinnerungsprojekt des Volkskundemuseum Wien zum Luftschutzbunker Schönbornpark im 8. Bezirk, Josefstadt
MASSIV unsichtbar
„Welcher Bunker?“ „Wo soll der sein?“
Solche Reaktionen haben die Arbeit an diesem Projekt und das Nachdenken über den Luftschutzbunker im Schönbornpark seit Mitte des Jahres 2023 begleitet. Auf Anregung der Kulturkommission Josefstadt1 setzen wir2 uns nun bereits seit zwei Jahren mit diesem speziellen Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft des Gartenpalais Schönborn – welches seit 1917 das Volkskundemuseum Wien (VKM) beherbergt – auseinander.
Die zuerst in Betracht gezogene Gedenktafel wurde von uns schnell verworfen und das Konzept eines umfassenderen Erinnerungs- und Awareness-Projekts nahm Gestalt an. Es konzentriert sich auf die beiden von uns als wesentlich ausgemachten Merkmale: Das Gebäude ist sehr massiv, eigentlich unzerstörbar aus Stahlbeton gebaut. Und trotzdem wird es beinahe nicht wahrgenommen. Es ist mehr oder weniger unsichtbar (Abb. 1).

Hauntologie3 – über Nach-Wirkungen
Der Luftschutzbunker im Schönbornpark hat – wenn er erst einmal als Gebäude wahrgenommen wird – eine recht spezielle Anmutung. Diese lässt ihn beinahe gespenstisch erscheinen: Von außen ist er nicht wirklich fassbar und trotzdem da. Seine wuchtige Präsenz tritt durch Bewuchs und Graffiti in den Hintergrund. Im Inneren des Bunkers wirkt das vergangene Abwesende mit dem gegenwärtigen Anwesenden zusammen. Das Bewusstsein für die vergangene physische und seelische Bedrohung im Krieg wird durch die Enge und die Atmosphäre des Innenraumes mit Relikten wie „gasdichten“ Stahltüren, den kleinen Kojen und speziellen Sinnes-Eindrücken (Geruch, Kälte, …) verstärkt (Abb. 2 und Abb. 3).
Der Bunker war beinahe die gesamte Zeit seines Bestehens mit Geschichte und Erfahrungen, mit fassbaren Dingen wie unfassbaren Nach-Wirkungen gefüllt.
Er war über 80 Jahre ein Ort des Schutzes und des Speicherns. Zunächst 1943 bis 1945 in seiner Ursprungsfunktion im Rahmen der Bedrohungen durch Luftkrieg und das NS-System (Abb. 4). Zwischenzeitlich diente der Bunker als Lager für die Stadtverwaltung und ab den 1980er Jahren als Depot, als Wissens- und Objektspeicher des VKM.
Mit der Idee, uns von diesem Gebäude „heimsuchen“ zu lassen und damit die strenge Trennung zwischen An- und Abwesenheiten (von Menschen, Dingen, Geschichten, Erfahrungen, Ideen) aufzuheben, werden Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft verbunden. „Heimsuchenlassen“ und sich dem „Spuk“ stellen schließt in diesem Projekt dingliche, sinnes- und gefühlsbezogene sowie ethische Aspekte ein, um eine dichte Beschreibung zu erzielen.4
Gerade in Zeiten, in denen Kriege so nahe an uns heranrücken wie schon lange nicht mehr, wird uns die Bedrohung aus der Luft – etwa durch Drohnen – wieder bewusst. Gleichzeitig sind Demokratie, Meinungsfreiheit und Offenheit sowohl in Österreich als auch in unseren Nachbarländern gefährdet. In dieser Zeit wollen wir bewusst Zeichen setzen, Informationen teilen und den illiberalen Wiedergängern reflektierte Geschichte(n) entgegnen.



Das Projekt
massiv unsichtbar stellt sich die Aufgabe, das Gebäude in seiner baulichen und seiner geschichtlichen Dimension sowie in seiner Gegenwartswirksamkeit und seinen Zukunftsmöglichkeiten (wieder) sichtbar zu machen. Ersteres durch die visuelle wie akustische Dauerintervention (Abb. 5 bis 12) vor und am Bunker im Schönbornpark; und Zweiteres vor allem durch diese Projektwebseite, auf der wir in vier Kapiteln die Biographie dieses Gebäudes und seiner Umgebung nachzeichnen.
Wir erzählen diese Gebäude-Biographie vor allem aus der Perspektive des Volkskundemuseums. Unsere Grundlage bildet das im Museum verfügbare Quellenmaterial aus Archiv und Fotosammlung. Bei bestimmten, uns wichtigen Themen haben wir vereinzelt auf Materialien aus anderen Institutionen zurückgegriffen, Expert*innen5 befragt und Stimmen von Zeitzeug*innen6 zu Wort kommen lassen.








Vom Luftschutz zur Location
Die vier Kapitel umfassen die gesamte bisherige Gebäudebiographie des Bunkers – von der faktischen Errichtung während des Zweiten Weltkrieges bis zur genehmigten Errichtung (sog. Herstellung des baurechtlichen Konsens) 2025, mit der die Transformation des Gebäudes für die Zukunft gestartet wird.
Zweiter Weltkrieg und Luftschutz
Krieg und Luftschutz in Wien
Luftschutz im Volkskundemuseum Wien
Erinnern und Vergessen
POV Bunker und Museum nach 1945
UNsichtbarwerden
Wem gehört der Bunker?
Into the Bunker
Pläne und Modelle
„Josefstäder Bunkerkrieg“
Out of the Bunker
Bestandsaufnahme
Ein Rundgang durch den Bunker als Videoloop mit Musik
Massiv nutzbar
zur Kapitelauswahl
- Untergeordnete Stelle der Bezirksvertretung des 8. Wiener Gemeindebezirkes; das Projekt wurde durch eine Finanzierung der Kulturkommission Josefstadt ermöglicht.
- Maria Raid und Magdalena Puchberger (wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Volkskundemuseum Wien, Projektverantwortliche).
- Oder Hantologie (frz. „Lehre von der Heimsuchung/des Spuks“), zurückgehend auf Jacques Derridas Buch „Marx’ Gespenster“ (im Originaltitel „Spectres de Marx“, 1993), das sich (auch) mit der unbefragten und oft staats- und erinnerungspolitisch unhinterfragten Anwesenheit von Ideen, Theorien und Modellen aus der Vergangenheit befasst. Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt am Main 2022.
- Vgl. dazu beispielsweise Jessica Auchter: The Politics of Haunting and Memory in International Relations. London 2014.
- Herzlichen Dank an Nicole-Melanie Goll, Georg Hoffmann und Lukas Schretter für die Bereitschaft, ihr Wissen mit uns zu teilen und in Videointerviews zur Verfügung zu stellen. Nicole-Melanie Goll hat darüber hinaus den Text im Kapitel Krieg und Luftschutz in Wien verfasst.
- Herzlichen Dank an die Österreichische Mediathek, insbesondere an die Mitarbeiter*innen der Sammlung MenschenLeben für die Bereitstellung und Aufbereitung der ausgesuchten Materialien.
