„Josefstädter Bunkerkrieg“ – wem gehört der Bunker?
1983 – Umbruch
1983 begann sich die Nachkriegsordnung langsam aufzulösen, was sich auch an den Ereignissen rund um die Nationalratswahl, die gleichzeitig mit den Wiener Landtags- und Gemeinderatswahlen am 24. April 1983 abgehalten worden waren, ablesen lässt. Die SPÖ hatte auf Bundesebene die absolute Mehrheit verloren und Bruno Kreisky (1911–1990) trat als Bundeskanzler zurück, sein Nachfolger wurde Parteikollege Fred Sinowatz (1929–2008). Mit dem Wirtschaftsliberalen Norbert Steger (*1944) fuhr die FPÖ bis dahin ihr schlechtestes Wahlergebnis ein. Diverse Skandale rund um den Bau des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) in Wien oder den Bau des Konferenzzentrums (Austria Center Vienna, ACV) hatten den Wahlkampf auf Bundes- und Stadtebene gekennzeichnet. Das alte System der beiden „Volksparteien“ SPÖ und ÖVP bröckelte, neue Protestbewegungen und Formen der Bürger*innenbeteiligung entstanden. Im Anschluss an die Protestbewegungen rund um das Kernkraftwerk Zwentendorf waren zwei umweltbewusste Parteien entstanden – die linksorientierte Alternative Liste Österreich (ALÖ) und die bürgerlich-konservative Vereinte Grüne Österreichs (VGÖ) –, die gegeneinander im Wahlkampf angetreten waren. Das von der ÖVP initiierte Volksbegehren gegen das ACV ist bis heute das erfolgreichste Österreichs.
Global gesehen galt 1983 als das „gefährlichste Jahr“ des Kalten Krieges. Die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland brachte die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Das Wettrüsten der beiden Supermächte USA und UdSSR hatte in Österreich bereits 1982 zu einer Demonstration mit dem Motto „Den Atomkrieg verhindern! Abrüsten!“ geführt, die mit 70.000 Teilnehmenden die bis dahin größte Kundgebung des Landes war.

Georg Hoffmann, Direktor Heeresgeschichtliches Museum (HGM) und Luftkriegshistoriker

Georg Hoffmann, Direktor Heeresgeschichtliches Museum (HGM) und Luftkriegshistoriker
Wie sooft lässt sich auch auf anderer Ebene das große Ganze nachvollziehen: Im Juni 1983 gab der stellvertretende Bezirksvorsteher des 8. Bezirks, Kurt Blümel (1921–2008) von der SPÖ, in der Bezirkszeitschrift westend bekannt, dass nun der Wahlkampf vorbei sei – „die Wahlen sind geschlagen und alle wenden sich wieder den alltäglichen Problemen zu“1. Im Wahlkampf hatte man sich im 8. Bezirk, Josefstadt, in „vielen Sitzungen“ getroffen, in denen ein Programm „Für eine schönere Josefstadt“ entwickelt worden war, das nun umgesetzt werden sollte. Auch wenn der Bezirksvorsteher der Josefstadt weiterhin Walter Kasparek (1929–1912) von der ÖVP blieb, war doch klar, dass bei dieser Wahl auch auf Bezirksebene neue, andere Kräfte und Thematiken zum Zug kamen.
Neue Interessensgruppen wollten sich nun aktiv an der Gestaltung des Schönbornparks beteiligen und diese sollten – nach dem im Wahlkampf ausgerufenen Willen der politischen Parteien – Mitsprache bekommen.
Wie sich bald zeigte, wurde das für die umfassenden Ausbaupläne des Volkskundemuseum Wien (VKM) zum Problem – war doch im Februar 1983 noch geplant, dass neben der Fassaden-Restaurierung am Palais Schönborn auch der Luftschutzbunker Schönbornpark und das „Tröpferlbad“ in der Florianigasse als Teile eines neuen Museumskomplexes adaptiert werden (vgl. Kapitel 3 „Pläne und Modelle“). Nach dem Wahltermin nahmen die Ansprüche an die Parkgestaltung allerdings neue Dynamiken auf, wie sich in einigen Zeitungsberichten vom Mai 1983 nachlesen lässt. Während der damalige Museumsdirektor Klaus Beitl (*1929) in der Zeitung Die Presse von einer „Perspektive 2000“ und den großen Plänen berichtete (Abb. 1), wurde in der Kronenzeitung kurz darauf ein in diesem Zusammenhang überraschend martialischer „Kampf um Josefstädter Schönbornpark“ ausgerufen, dessen „Stein des Anstoßes“ ausgerechnet der Luftschutzbunker war. Der „grünarme Bezirk Josefstadt“ sollte, so Vertreter*innen der „Bürgerinitiative zur Rettung des Schönbornparks“, nicht dem Ausbau des VKM „geopfert“ und der Bunker als Kinderspielplatz erhalten werden (Abb. 2).


Wem gehört der Bunker? Wem gehört der Park?
Trotz aller Konflikte und unterschiedlicher Interessen war man sich doch soweit einig, dass eine Neugestaltung des Parks nach knapp 20 Jahren ohne relevante Änderungen für die Nutzer*innen notwendig war. Ende September 1983 wurde deshalb von der Bezirksvertretung „einstimmig“ beschlossen, dass im Schönbornpark für „eine bessere Ausgestaltung“ zu sorgen sei. (Abb. 3)
Den Auftakt zu mehreren Bürgerbeteiligungsformaten bildete eine „Bürgerversammlung“ im September 1983, die vom zuständigen Umweltstadtrat Peter Schieder (1941–2013) einberufen worden war und an der auch Museumsdirektor Klaus Beitl teilnahm. Hier wurden bereits diverse Vorschläge gesammelt. In weiterer Folge wurde vom 5. bis 7. Mai 1984 „eine große Freiluftausstellung“ im Schönbornpark geplant und durchgeführt, bei der der Stadtrat versicherte, dass es „selbstverständlich“ auch möglich sein werde, „Meinungen und Vorschläge zur Parkgestaltung zu deponieren“ – der Park solle „einfach, zweckmäßig, kindergerecht und benützergerecht“ werden.2 (Abb. 4 und Abb. 5) Bei dieser Freiluftausstellung präsentierte auch das VKM auf vier Schautafeln seine Ausbaupläne. In einem Interview für die Zeitung westend gab der Wiener Landtagsabgeordnete Herbert Zima (1933–2018) Auskunft über die Ergebnisse der 120 bei der Ausstellung abgegebenen schriftlichen Stellungnahmen. Er zeichnete dabei ein recht buntes Bild je nach Altersgruppen unterschiedlicher „Wunschvorstellungen“: „Kinder und Jugendliche etwa wollen unter anderem eine Rutsche, verbesserte Ballspielplätze und ein Schwimm- oder Planschbecken, 20- bis 40-jährige eine Verbesserung des Babyspielplatzes und für die Verbauung des Bunkers, wie sie vom Volkskundemuseum vorgeschlagen wird, sprechen sich vor allem Vertreter der Altersgruppe über 40 aus.“3 Nach der Ausstellung wurden weiterhin Ideen entgegengenommen. Als größtes Problem im Schönbornpark wurde überwiegend der Bunker genannt: „Obwohl er nicht zu den riesigen Monstren aus Kriegstagen zählt, sorgt er hier für ein schlechtes Gesamtbild.“4 Weil der Bunker nicht entfernt werden könne, solle man doch aus „der Not eine Tugend machen“, auf der Oberfläche „eine Spielfläche nach den Wünschen der Kinder errichten“ und alles unternehmen, um aus dem Schönbornpark „eine Oase der Erholung, Entspannung und des Spiels zu machen“.5



Eskalationen – Josefstädter Bunkerkrieg
Wie sich das Geschehen ab Frühjahr 1985 genau zugetragen hat, lässt sich aus den im Archiv des VKM liegenden Materialien nicht mehr ganz genau rekonstruieren. Es scheint aber so, als hätten hier zumindest zwei Prozesse stattgefunden: Zum einen treibt das VKM seine Pläne voran und stellte in Dienstbesprechungen mit den zuständigen Stellen der Stadt und des Ministeriums6 nicht nur die Adaptierung des Museumsgebäudes in der Laudongasse vor, sondern präsentierte in diesem Zusammenhang auch die Pläne für die „Bunkeraufstockung“. Zum anderen dürften diese Projektpläne, die Ende Mai 1985 dem Bezirkspräsidium und „den Mandataren der politischen Parteien“ gezeigt worden waren, den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Medien berichteten über den im Bezirk sehr offensiv vorgebrachten Widerstand gegen diese Bauvorhaben. In den Schlagzeilen der Bezirks- und anderer Zeitungen zeigten sich nun die vorher erwähnten neuen Thematiken und Interessensgruppen, die beispielsweise „Grün statt Beton“, „Grün statt Kultur“, „Grün und Kultur“ oder nicht zuletzt „Mütter gegen Museum“ (Abb. 6) lauteten.
Das Bezirksjournal von Juni 1986 kolportierte, dass es in der Bezirksvertretung Josefstadt bereits Mitte Mai eine „einstimmige Entscheidung gegen eine Verbauung und für eine Ausgestaltung der Bunkeroberfläche“7 gegeben hatte. Grund für diesen Entschluss seien auch die Bürgerinitiativen gewesen, die diese Bebauung verhindern wollten (Abb. 7). Dem VKM wurde in den Zeitungen teilweise – in Bezugnahme auf Argumente der Bezirksvorstehung – vorgeworfen, keinen offiziellen Antrag auf eine Baugenehmigung eingereicht zu haben und nur eine ungesicherte Finanzierung für das Bauvorhaben vorzuweisen zu können. In den Unterlagen des VKM wird diesen Behauptungen entschieden widersprochen. Die Museumsleitung beschwerte sich über die sich nach dem Wind drehende Haltung der Bezirksvorstehung und fand, dass auch die Interessen einer modernen Kultur- und Museumspolitik ausschlaggebend hätten sein müssen oder können.8
Tatsache war jedenfalls, dass der Bunker nach dem Beschluss der Bezirksvertretung weiterhin ein bauliches und ästhetisches Problem darstellte. Im Juni berechnete etwa die MA 42 die Kosten für weitere Pläne für dieses Gebäude: Eine Sanierung des bestehenden Gebäudes samt gärtnerischer Gestaltung wurde mit 1,6 Mio. Schilling veranschlagt, eine „Demolierung des bestehenden Bauwerkes bis 90 cm unter Parkniveau“ mit 1,8 Mio. Schilling. Aufgrund der hohen Kosten für Sanierung und Gestaltung sowie der Folgekosten schien zu diesem Zeitpunkt nur mehr die Demolierung ohne Folgekosten der richtige Ausweg zu sein.
Dass der Bunker heute noch immer steht, geht auf ein weiteres Einwirken globaler oder zumindest europäischer Ereignisse zurück: Der verheerende Reaktorunfall im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine befeuerte 1986 allgemein die Anti-Atom-Bewegung und die Angst vor weiteren Katastrophen. Die mit dem Unfall einhergehende Nuklearkatastrophe entfachte Diskussionen, wie und vor allem auch wo denn die Zivilbevölkerung geschützt werden könnte – wie das zufällige Aufeinandertreffen von Schönbornpark-Gestaltung und Flakturm-Nutzung in einem Zeitungsausschnitt vor Augen führt (Abb. 8).
Für das VKM bedeutete der aus dem Reaktorunfall resultierende Erhalt des Bunkers zumindest eine kleine Genugtuung im „Josefstädter Bunkerkrieg“9: 650 m2 Depotfläche blieben und auch die bisher aufgewendeten Investitionen verfielen nicht mit dem Weiterbestehen des Bunkers. Seitens des Museums wurde – etwas zweischneidig – argumentiert, dass es eine „sachlich und wohl auch politisch nicht vertretbare Maßnahme“ [sei], den einzigen vorhandenen Schutzraum des 8. Bezirkes zu demolieren“. Dies stünde „im Widerspruch zu den nach Tschernobyl aktualisierten Erfordernissen des öffentlichen Kulturgüter- und Zivilschutzes“.10
Zu einem letzten Aufbäumen seitens des VKM kam es im September 1986. Das Museum und sein damaliger Direktor Klaus Beitl wollten – unterstützt von Teilen der Presse und Politik, z. B. durch den damaligen Wissenschaftsminister Heinz Fischer (*1938) oder den „Mitteleuropa-Aktivisten“ Erhard Busek (1941–2022)11 – die großen Pläne für ein erweitertes und auf den neuesten Stand gehobenes Volkskundemuseum, auch gegen den Widerstand des Bezirkes, nicht aufgeben. Das Museum startete eine Flugschriftenaktion im Bezirk und bat auch Kolleg*innen aus „Fachkreisen“ um Unterstützung und Stellungnahmen. Darüber hinaus nützte man die Fertigstellung der Restaurierarbeiten des Innenhofes und des neuen Vortragssaales im Museumsgebäude in der Laudongasse für ein Fest und eine „Bürgerdiskussion“ mit dem Titel „Treffpunkt Volkskundemuseum“ am 15. September, um noch einmal auf das Thema aufmerksam zu machen. Neben einer Lesung und Liedvorträgen kam es auch zu einer Pressekonferenz über „Museumskonzepte des Österreichischen Museums für Volkskunde“. Darüber hinaus hatte man sich auf unterschiedlichen Kanälen an die „Mitglieder des Vereins und Freunde des Museums“ gewandt, um den Sachverhalt darzulegen und die „Jahrhundertchance“ Bunkeraufbau für das Museum hervorzuheben.12 (Abb. 9)
Drei Tage später, am 18. September 1986, wurden die Hoffnungen des VKM dann endgültig zunichtegemacht. Bei einer von der Bezirksvorstehung einberufenen Bürgerversammlung wurde das Bauprojekt abgelehnt.
Nur am Rande sei erwähnt, dass der für die Pressekonferenz im Museum als Unterstützer des Aufbauprojektes angekündigte Wissenschaftsminister Heinz Fischer wegen „der aktuellen innenpolitischen Vorgänge“ nicht teilnahm. Das Jahr 1986 war allgemein von den Vorkommnissen und Richtungsentscheidungen rund um die Wahl von Kurt Waldheim (1918–2007) zum österreichischen Bundespräsidenten geprägt („Waldheimaffäre“). Waldheim stellte sich als ehemaliger UNO-Generalsekretär als Garant für den Frieden und Wahrer österreichischer Interessen dar (Abb. 10), was in der österreichischen Öffentlichkeit nicht (mehr) ohne Widerspruch hingenommen wurde. Vielmehr lösten Waldheims Kriegs- und NS-Vergangenheit heftige politische Diskussionen rund um die Verbrechen und die österreichische Beteiligung am NS-System aus. Dass er trotzdem zum Bundespräsidenten gewählt wurde, war auch für ein Umdenken in der österreichischen Geschichts- und Erinnerungspolitik bedeutend. Ebenfalls entscheidend für eine politische und ideologische Wende war sicher auch der „Putsch“ Jörg Haiders an die Spitze der FPÖ am 13. September 1986. Dieser Rechtsruck der FPÖ war Anlass für Bundeskanzler Franz Vranitzky, die kleine Koalition aus SPÖ und FPÖ zu beenden. Damit begann der Aufstieg der FPÖ zur heute stimmenstärksten Partei in Österreich.










- „Bürgerversammlung in der Josefstadt. Von Bezirksvorsteher-Stellvertreter Kurt Blümel“. In: westend Josefstadt, Nr. 5/Juni 1983, Ordner Presse Mus f. VK Bunker, Archiv Volkskundemuseum Wien, S. 3.
- Zeitungsauschnitt „Schönbornpark – Neugestaltung“, westend Josefstadt, Nr. 2/1984, Ordner Presse Mus f. VK Bunker, Archiv Volkskundemuseum Wien, S. 16.
- Zeitungsausschnitt „Lenaugasse und Schönbornpark“, westend Josefstadt, Nr. 3/1984, Ordner Presse Mus f. VK Bunker, Archiv Volkskundemuseum Wien, S. 4. [Die Ergebnisse dieser Umfrage wurden niemals im Detail veröffentlicht.]
- Zeitungsausschnitt „Neugestaltung eines Parks: Ideen sind vorhanden“, unabhängiges Journal, September 1984, Ordner Presse Mus f. VK Bunker, Archiv Volkskundemuseum Wien, S. 2.
- Ebd.
- In einem Dokument im Archiv hat das VKM (wsl. Klaus Beitl) eine „Chronologie der Ereignisse aus der Sicht des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien“ ab 1983 erstellt. Hier ist zu lesen, dass es am 26. März 1985 eine Dienstbesprechung mit dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, der Magistratsdirektion, den MA 25, 26, 42 und 52 sowie dem Bundesdenkmalamt und der Bezirksvorstehung gegeben hat. Ordner Ausstellungshalle Bunker 1982-1987.
- Zeitungsausschnitt „Schönbornpark: Der Bunker wird nun nicht verbaut!“, Bezirksjournal Nr. 6/1986, S. 3.
- Dokument des VKM „Einige Argumente zum Ablauf der Ereignisse und zu irreführenden Pressemeldungen“, 1986-06-15/HL, Ordner Ausstellungshalle Bunker 1982-1987.
- Vgl. Peter Zehrer: Josefstädter Bunkerkrieg. Das Museum für Volkskunde kämpft um seinen Lebensraum. Die Presse, 8. September 1986, S. 3.
- Dokument „Chronologie der Ereignisse aus der Sicht des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien“, wsl. 2. Hälfte 1986, Ordner Ausstellungshalle Bunker 1982-1987.
- Vgl. dazu: Martin Schweighofer: Reif für die Insel. In: Wochenpresse, 22. Juli 1986, S. 44 f.
- Vgl. Franz Grieshofer: Jahresbericht des Vereins und Österreichischen Museums für Volkskunde für 1986. ÖZV 90/1987, S. 144 f.
