Into the Bunker
Annäherung
Um 1970 begann eine fast zwei Jahrzehnte dauernde intensive Phase, in der das Volkskundemuseum Wien (VKM) versuchte, gegen die Widerstände und Tatenlosigkeit der städtischen sowie der staatlichen Verwaltung in den Bunker zu kommen. Diese wendungsreiche Intensivphase startete Ende 1969, als der damalige Direktor Leopold Schmidt (1912–1981) eine sanfte Annäherung an den (vermeintlich) zuständigen Magistrat der Stadt Wien wagte, um drängende Anliegen des Museums voranzutreiben. In einem Schreiben an „Frau Vizebürgermeister“ Gertrud (Fröhlich-)Sandner (1926–2008) erinnerte er „wieder“ daran, dass das Gartenpalais Schönborn (Laudongasse 15–19, 8. Bezirk), in welchem das Museum seit 1917 Platz gefunden hatte, „längst zu klein geworden“ sei und mit seinen zusehends größer werdenden Sammlungen aus allen Nähten platze (Abb. 1). Schmidt wies auf eine „verhältnismäßig leicht“ umzusetzende Abhilfe des Raumproblems hin, indem er den „‚Bunker‘, mit dem der an das Museumsgebäude angrenzende Schönborn-Park im letzten Krieg verziert wurde“1, ins Spiel brachte. Neben der großen Fläche des Bunkers zählte er noch weitere Vorteile auf, mit denen drängende Probleme gelöst würden: Durch einen Aufbau sei etwa eine Ausstellungshalle möglich, in der man endlich die bis dahin in den gleichzeitig für Ausstellungs- und Depotzwecke genutzten Räumen des Gartenpalais Schönborn untergebrachten Sammlungsobjekte öffentlich präsentieren könnte. Zusatzeffekt sei, so Schmidt, die „Nutzbarmachung des heute völlig unnötigen Bunkers“. Neben einem für mögliche Subventionsgeber*innen kostengünstigen Museumsbau und einer damit einhergehenden kulturellen Aufwertung des 8. Bezirks sah Schmidt auch noch den ästhetischen Vorteil: Der Hallenaufbau würde nämlich „die unansehnlichen Rückfronten der Zinshäuser etwas verdecken, die unschön in den Schönbornpark hineinschauen“2.




Rückschläge
Die Beantwortung des Schreibens – adressiert an das „österreichische Museum für Völkerkunde“ [sic] – ließ seitens der Stadt3 wenig Interesse an dem Vorschlag erkennen und stellte fest, dass „der Bund Eigentümer des Bunkers im Schönborn-Park“ sei und ohnehin die wissenschaftlichen Museen in die Zuständigkeit des Bundesministeriums für Unterricht ressortieren würden. Dies leitete die sogenannte Bunker-Resolution ein, mit der sich das Museum und der Verein für Volkskunde nun an ein neues, erhofft konstruktiveres Gegenüber – Ministerium und Bund – wandten. Für eine breitere Wahrnehmung wurde die „Resolution über Museumserweiterung“ zum einen 1971 in der vom Verein für Volkskunde herausgegebenen Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde (ÖZV) abgedruckt und zum anderen mit einem Begleitschreiben an 300 „verehrte Freunde der österreichischen Volkskunde“ (Abb. 2) zur Kenntnisnahme und Unterstützung verschickt. Darin ist zu lesen, dass die Museumsdirektion sofort nach der neuen Zuständigkeitsklärung an das Ministerium für Wissenschaft und Forschung mit der Bitte herangetreten sei, „eine Museumserweiterung durch Ausbau und Adaptierung des Bunkers“ in Betracht zu ziehen. Als Beispiel für ein bereits gelungenes Bunkerprojekt wurde die Volkshochschule Favoriten am Arthaberplatz (vgl. Kapitel 2 UNsichtbarwerden) erwähnt. In den „unterirdischen Räumen“ des Bunkers im Schönbornpark, also den Bunkerräumen, waren die Einrichtung eines Museumsdepots und einer Studiensammlung vorgesehen. In der Resolution wurde das Kostenargument, das eine „Wiederverwendung“ eines solchen Bunkers durch Aufbau „doch viel Baukosten sparen“ würde, erneut stark gemacht. Besonders überzeugt zeigte sich die Museumsdirektion davon, „daß durch diese Erweiterung und Modernisierung des Museums der 8. Wiener Gemeindebezirk, der in den letzten Jahren durch die Verlegung von Universitätsinstituten und durch die Errichtung des Hauses des Buches stärker in den inneren Kreis des Wiener Kulturlebens gerückt worden [ist], einen weiteren bedeutenden Akzent erhalten würde“4. Das Ministerium zeigte sich zurückhaltend und wollte sich nicht auf einen Aufbau festlegen lassen, stünde doch die Stadt Wien solchen Plänen mit dem Argument entgegen, „daß damit eine weitere Zerstörung des Erholungsraumes und der Umweltsbedingungen [sic]) (Besonnung, Beschattung etc.) verbunden wäre“5. Aus dem gleichen Grund hätte man sich auch bereits vor Jahren gegen einen solchen Aufbau im Rahmen des „gemeindeeigenen Projektes“ eines „Haus[es] des Buches“ entschieden. Man konnte sich aber vorstellen, dass das Innere des Bunkers in Schauräume umgewandelt und durch einen Gang mit dem Museum verbunden werden kann. Bemerkenswert scheint immerhin eine Zuschrift aus dem Joanneum Graz in Folge der „Bunker-Resolution“ an die Kolleg*innenschaft, die die musealen Bunkerpläne ganz eigen deutet. Für die dortige Kollegin klang es „wunderlich“6, „daß ein Volkskundemuseum in einem vom Krieg geschaffenen Gebäude, also in dem Bunker am Schönbornpark, Platz finden soll“. Sie möchte das als „Symbol einer friedlichen Entwicklung Europas nehmen!“ und wünschte sich, dass „wir auch in Graz wenigstens einen Bunker (hätten), in den wir ausweichen könnten“ (Abb. 3).
Ein Jahr später war dann aber wieder alles anders: Das Bundesministerium teilte dem Verein für Volkskunde mit, dass der Bunker doch im Eigentum der Stadt Wien stehe und in die Kompetenz der Magistratsabteilung 42 (MA 42, Wiener Stadtgärten) falle. Darüber hinaus habe man festgestellt, dass „der Innenraum des Bunkers verschiedenen magistratischen Dienststellen als Lager und Depot (z.B. auch als Bücherspeicher für die städtische Zentralbibliothek)“7 diene und dafür auch in Hinkunft benötigt werde. „Eine Freimachung für Zwecke des Österreichischen Museums für Volkskunde dürfte daher in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht möglich sein.“


Bunkerideen
Auch wenn in den Archivalien des Museums nicht allzu viel über den weiteren Verlauf zu finden ist, so scheint doch ab Mitte der 1970er Jahre eine Veränderung stattgefunden zu haben. In einem Beitrag in der Bezirkszeitung „westend“ erschien ein Beitrag unter dem Titel „Betonbunker für Museum“8, der nicht nur auf den schlechten Zustand des Kriegs- und Schutzbaus verweist, sondern auch auf das Interesse der „sozialistischen Partei“ daran, das Museum zu unterstützen und damit „einen der häßlichsten Punkte des Bezirkes“ verschwinden zu lassen (Abb. 4). Mit 1978 wurde Klaus Beitl (*1929) der neue Direktor des VKM und nahm die Korrespondenz und die Initiative rund um den Bunker wieder auf. In einem Schreiben an diverse (potentiell) zuständige Personen legte er die allgemeine Situation des Museums in Bezug auf Gebäuderestaurierung und Platzbeschaffung dar und forderte erneut die Klärung der Eigentumsrechte und die Überlassung des Bunkers für Museumszwecke.9 In einem Schreiben an den zuständigen Stadtrat Peter Schieder (1941–2013) führte Beitl veränderte Bedingungen und den schlechten Zustand des Gebäudes an, die inzwischen auch das Museumsgebäude betreffen würden: „Dieses aus dem letzten Krieg stammende Bauwerk hat seit der Übersiedlung der Städtischen Bücherei in ihr neues Gebäude in der Laudongasse keine regelmäßige Verwendung mehr.“ Der Zustand des Bauwerkes biete einen „keineswegs erfreulichen Anblick“, die mangelnde Beaufsichtigung hätte sogar zu „Devastierungen an der seitlichen Gartenfront des Museumsgebäudes geführt“. Ebenfalls 1978 hegte aber auch die Stadt Wien eigene Pläne für die Bunkernutzung. In einer Bezirksbroschüre wird erwähnt, dass im Schönbornpark ein „Kultur- und Freizeitzentrum mit Schwimmbad errichtet werden“10 solle. Die ÖVP präsentierte im Juni 1978 konkrete Pläne, die ein Hallenbad auf dem Bunker vorsahen. In einer undatierten Aktennotiz hielt der Museumsmitarbeiter und spätere Museumsdirektor Franz Grieshofer (*1940) fest, dass er an der Präsentation des „ÖVP-Modells für ein Freizeit- und Badezentrum im Schönbornpark“ (Abb. 5) teilgenommen habe. Dort habe er auch die Befürchtungen des Museums geäußert, dass diese Pläne den Bunker- und Depotplänen des VKM entgegenstehen könnten.11 Der ÖVP-Bezirksvorstand gab daraufhin an, dass dem Museum im Rahmen des Projektes eine wichtige Rolle zukomme, in dem es „in den Hallenbadbau integriert werden und für die Freizeitzone kulturelle Aktivitäten anbieten“ sollte. Auch wenn sich Grieshofer prinzipiell eine Beteiligung der Kulturvermittlung des Museums vorstellen konnte, hielt er dennoch fest, dass das Museum andere Pläne verfolge.


Einzug
(Abb. 6) Die Bemühungen und mannigfaltigen Korrespondenzen Beitls kollidierten letztlich mit einer veränderten Strategie der Stadt und der betreffenden Magistratsabteilungen (MA 42, MA 7 (Kultur), MA 52 (zw. 1920 und 1996 Verwaltung der städtischen Wohnhäuser). Im Juli 1978 kam es zu einer Übereinkunft mit der Stadt Wien. Im August verzichtet zunächst die MA 7 auf die vorher als Bücherlager genutzten Räume zugunsten des Museums und es folgt eine offizielle Raumanforderung. Im Oktober wurden die Schlüssel für einen Teil des Bunkers übergeben und erste Kostenvoranschläge für Elektroinstallationen, Tischlerarbeiten und – besonders drängend – Luftentfeuchtungssysteme eingeholt.
In einem Schreiben an das Bundesministerium vom November 1979 berichtete Klaus Beitl, dass die bezogenen Räume im Bunker die bisher „in den beengten Räumen in Kisten, Truhen und Schränken vom konservatorischen und wissenschaftlichen Standpunkt her gesehen gänzlich unzulänglich und letzten Endes unverantwortlich gelagerten Depotbestände in eine […] mustergültige und systematische Studiensammlung“12 überführt werden konnten. Das Museum könne damit den damals aktuellen Museumsstandards endlich nachkommen und hatte mit der Lösung des unmittelbaren Raumproblems, die „präparatorisch-konservatorische Behandlung“ der Objekte ebenso in Angriff genommen wie die „systematisch-photographische und inventar- sowie karteimäßige Neuerfassung“13.
Um all diese Vorhaben weiterverfolgen zu können, plädierte Beitl dafür, auch die restlichen Räume des Bunkers endgültig zu räumen und dem Museum zur Verfügung zu stellen. Mitte des Jahres 1980 kam es zur Verständigung darüber, den gesamten Bunker dem VKM zu überlassen. Im Oktober 1980 gewährte das Ministerium eine Sonderdotation von 270.000 Schilling für die „Adaptierung des ehemaligen Luftschutzbunkers Schönbornpark als Studiensammlung“14.
Mit 1. Jänner 1981 wurde der Bestandsvertrag zum Bunker zwischen der MA 42 (Stadt Wien) und dem VKM gültig – das Museum konnte von nun an alle Innenräume des Bunkers adaptieren und nutzen.


- Schreiben Leopold Schmidt an Magistrat der Stadt Wien, Geschäftsgruppe III, Kultur und Volksbildung, VBM Sandner: „Betr. Wiener Stadtforschung – Wiener Großstadtvolkskunde“, 4 Seiten; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Ebd.
- Schreiben Abteilungsleiter Foltinek (MA 7) an ÖMV und Leopold Schmidt, 2. Juni 1970, 1 Seite; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Schreiben ÖMV an BM für Wissenschaft und Forschung: „Resolution über Erweiterung“, 26. März 1971, 3 Seiten; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Schreiben BM für Wissenschaft und Forschung an ÖMV, 2. Feb. 1971, 1 Seite; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Schreiben G. Smola Landesmuseum Joanneum an Leopold Schmidt, 24. März 1972, 1 Seite; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Schreiben BM Firnberg an Verein für Volkskunde Wien, 8. Februar 1972, 2 Seiten; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- N. N.: Betonbunker für Museum. In: westend. Bezirkszeitung für Neubau, Josefstadt und Rudolfsheim-Fünfhaus. 2/76, S. 12; Ordner Presse MusfVK Bunker, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Vgl. z. B. Schreiben Klaus Beitl an Kulturamt der Stadt Wien, 12. Jänner 1978, 2 Seiten; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Broschüre „wien. 8. Bezirk Josefstadt“, HG vom Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien, April 1978; Ordner Presse MusfVK Bunker, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Aktennotiz von Franz Grieshofer, undatiert (1978), 1 Seite; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Schreiben an BM Firnberg, BMWF: „Erweiterung der Studiensammlung im Bunker Schönbornpark“, 2. November 1979, 2 Seiten; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
- Ebd.
- Schreiben BMWF an Direktion ÖMV: „Gewährung der Sonderdotation“, 13. Oktober 1980; Ordner Bunker 1969, Archiv Volkskundemuseum Wien.
