Massiv nutzbar
Die Vergangenheit ist gegenwärtig
2025 ist eines der großen Gedenk- und Erinnerungsjahre, und es wird bewusst, was sich in der Zeit seit der Errichtung des Bunkers alles zugetragen hat. Neben den nationalpolitischen und staatstragenden Erinnerungspunkten wie 80 Jahre Kriegsende, 80 Jahre Ende des nationalsozialistischen Regimes, 70 Jahre Staatsvertrag, 30 Jahre EU-Beitritt oder auch 10 Jahre nach einer der größten Fluchtbewegungen nach Österreich seit 1945. Viele andere größere und kleinere „Meilensteine“ haben sich ereignet und zu jener nationalen, regionalen oder sehr lokalen heutigen Verfasstheit geführt. Zivilgesellschaftliche Initiativen, wie Frauen-, Umwelt- oder Friedensbewegung haben maßgebliche Veränderungen herbeigeführt. Die großen Umwälzungen der späten 1980er und 1990er Jahre in den ehemaligen Ostblockstaaten haben das „Nachkriegseuropa“ ebenso geprägt, wie es die Kriege im ehemaligen Jugoslawien getan haben. Europa hat sich neu zusammengesetzt und auch Österreich fand sich unter veränderten Bedingungen wieder. Das offizielle Gedenken und Erinnern fokussiert(e) also auf „große“ Ereignisse, in deren Mittelpunkt oftmals Herrschafts-, Kriegs- oder Gewaltgeschichte steht.
Und auch die Biographie des Luftschutzbunkers im Schönbornpark steht mit alldem in Verbindung. Doch was kann jenseits einer offiziellen, vielleicht sogar national geforderten Geschichtspolitik (mit gezieltem Erinnern und Vergessen) mit diesem Gebäude erzählt werden? Wie können die Erfahrungen und Kontexte anders gefasst und erweitert werden, um ihnen und auch den involvierten Personen und Dingen „gerecht“ zu werden?
Museum und Gesellschaft: Aktivieren
Das Volkskundemuseum Wien (VKM) steht derzeit an einer institutionellen Zeitenwende. Mit der Generalsanierung des Museumsgebäudes, dem Gartenpalais Schönborn, in der Laudongasse und dem Auszug der Sammlungen aus dem Bunker vollzieht sich derzeit eine programmatische, organisatorische wie auch inhaltliche Neuausrichtung. Im Ausweichquartier im Pavillon 1 am Otto-Wagner-Areal, das selbst eine langjährige Gewaltgeschichte aufzuweisen hat, arbeiten wir derzeit daran, das neue Museum entsprechend unserer Werte und Haltung zu gestalten. Diese lassen sich (auch) aus der Beschäftigung mit und den Erkenntnissen aus der Geschichte unserer Institution und ihren Gebäuden ableiten.
Grundlage bilden die zentralen Aussagen zweier Strömungen institutionellen Engagements, die uns für dieses Projekt wie auch für die weitere Arbeit Impulse geben haben: Zunächst „the past is not the past“ als Kernaussage von Memory Activism1. Sie zeigt, dass die Vergangenheit gegenwärtig ist und auf uns, unsere Weltsicht und Handlungsweisen einwirkt. Im Sinne eines Erinnerungsa-Aktivismus gilt es, die offizielle Geschichtsschreibung zu hinterfragen und mit zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Ansätzen, mit vielstimmigen Fragen und Perspektiven zu konfrontieren und gegenzulesen, um dem Museumspublikum und allen Partner*innen in der Museumsarbeit differenzierte und vertiefte Einblicke anzubieten.
Der andere Leitsatz kommt aus dem Bereich des Museum Activism und lautet: „Museums are not neutral.“2 Für die Arbeit im Volkskundemuseum bedeutet dies zweierlei: zum einen das Anerkennen der Tatsache, dass Museen – obwohl vielfach als „vertrauenswürdig“, weil unparteiisch, angesehen – niemals neutral (gewesen) sind, sondern vielmehr absichtsvoll und mit – wie auch immer ausgerichteten weltanschaulichen und (kultur)politischen – Zielsetzungen ausgestattet waren/sind. Das hat Auswirkungen auf die Weise, wie im und über das Museum geforscht wird und welche Erkenntnisse man erzielen möchte. „Museums are not neutral“ ist zum anderen auch ein Appell, aktiv zu werden und sich als demokratiestärkende, wissensbasierte, (selbst)kritische, dialog- und lernbereite Institution zu positionieren und in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Museen haben eine bestimmte Öffentlichkeit und Reichweite, die es nicht nur auszuweiten, sondern auch durch anregende und einladende Austausch-, Ausstellungs- und Vermittlungsformate zu bedienen gilt.
Out of the Bunker – Plot-Twist
Im Jahr 2025 beginnt in der Gebäude-Biographie des Luftschutzbunkers im Schönbornpark tatsächlich eine neue Phase – jene der Anerkennung. Mit den Planungen für das neue Museum (Generalsanierung) und die weitere Nutzung des Bunkers im Rahmen dieses neuen Museumskonzeptes hat sich gezeigt, dass das Gebäude, der Luftschutzbunker im Schönbornpark, administrativ nicht existiert. Es wurde niemals offiziell errichtet (Abb. 1).
Das erscheint für diese Geschichte beinahe symptomatisch zu sein und vereint so viele Aspekte, die das Gebäude und seine Nutzung in den letzten 80 Jahren gekennzeichnet haben. Wir erkennen im und mit diesem Projekt das Gebäude und seine Geschichte der Unsichtbarkeit an und werden auch weiterhin aktiv daran erinnern. Bunker bleibt Bunker – die Vergangenheit ist gegenwärtig.
Gerade deshalb gilt es, Charakteristika der Gebäude-Biografie im Hinterkopf zu behalten und daraus Ideen für die Zukunft abzuleiten. Chronologisch sind das zunächst das Leugnen und Vergessenmachen der ehemaligen Funktion des Bunkers im Zweiten Weltkrieg und NS-System. Damit verbunden ist das Unsichtbarwerden des gewaltigen Baus in der Nachkriegszeit. Darauf folgten großen Museumsvisionen, die den jeweils aktuellen (1980er, 2020er Jahre) Anforderungen entsprechen, wenn nicht sogar darüber hinaus denken woll(t)en. Schließlich geht es um intensive Aushandlungsprozesse rund um Beteiligungsmöglichkeiten und Interessensansprüche: Früher fanden sie um den Bunker statt, künftig werden sie sich in ihm abspielen – etwa im Rahmen von Demokratieprojekten.
Der ab 2026 geplante Innenausbau des Luftschutzbunkers soll – entgegen der Ursprungsfunktion als abgeschlossenes Kriegs- und Zivilschutzgebäude – den Bunker öffnen und so endlich einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen (Abb. 2). Er wird nach Umbauten im Zentrum eines umfassenden Vermittlungsprogramms zu Demokratie in Zeiten von Illiberalismen und antidemokratischen Strömungen stehen (EU-Interreg-Projekt „Turning Points - Museums for a Democratic Future“) und auch verschiedenen anderen Gruppen und Personen einen Ort bieten, die im oftmals geschlossenen (Stadt-)Raum keinen Platz für ihre Anliegen und Formate finden. Hier wollen wir – das Volkskundemuseum Wien –, die besonderen baulichen und historischen Gegebenheiten des Bunkers berücksichtigend, gemeinsam mit unseren Partner*innen und Nutzer*innen nicht mehr nur „out of the box“, sondern viel mehr „out of the bunker“ denken (Abb. 3).
All dies wurde erst 2025 möglich. Der Bestandsplan für den Bunker ist gezeichnet und abgegeben, der sogenannte baurechtliche Konsens hergestellt. Der Bunker ist über 80 Jahre nach seiner faktischen Erbauung nun auch behördlich genehmigt errichtet und somit ausbaufähig. Die Zukunft hat begonnen.



- Vgl. Yifat Gutman und Jenny Wüstenberg: The Routledge Handbook of Memory Actvism, New York 2023.
- Vgl. dazu die T-Shirt-Aktion „Museums are not neutral“ von 2019 und das Buch von Mike Murawski: Museums as Agents of Change: A Guide to Becoming a Changemaker, 2021.
