UNsichtbarwerden
Trauma als Vergangenheit, die nicht vergeht
„Die Formel von der Vergangenheit, die nicht vergeht, ist zugleich eine handliche Definition für ‚Trauma‘.“1, schreibt die Kulturwissenschafterin Aleida Assmann (*1947), die sich über Jahrzehnte intensiv mit Erinnern und Vergessen auseinandergesetzt hat.
Fast sinnbildlich steht hier der Bunker im Schönbornpark für persönliche wie gesellschaftliche Traumata, wie sie Kriege und die damit verbundene, vielgestaltige Gewalt hervorbringen: ein Gebäude, das so massiv ist, dass es nur schwer entfernt werden konnte und deshalb zum Weiterbestehen bestimmt ist.
In den Archivalien des Volkskundemuseum Wien (VKM) ist immer wieder vom „ehemaligen Bunker“ zu lesen. Doch ein Bunker bleibt ein Bunker. Auch wenn er seit vielen Jahren – wahrscheinlich seit Jahrzehnten – nicht mehr aktiv als das wahrgenommen wird, was er ursprünglich einmal war: ein Kriegs- und Gewaltgebäude.
Mit Kriegsende wird der Bunker unbequem und begehrt gleichzeitig. Besonders deutlich zeigt sich das in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1948. Der gesamte Schönbornpark befand sich in einer Übergangsphase zwischen den Nachwehen des Krieges und ersten neuen Nutzungen.

Lukas Schretter, Historiker und Europäischer Ethnologe

Lukas Schretter, Historiker und Europäischer Ethnologe

Lukas Schretter, Historiker und Europäischer Ethnologe

Lukas Schretter, Historiker und Europäischer Ethnologe
Die Rathauskorrespondenz hielt dazu am 22. Jänner 1948 unter dem Titel „Die Arbeit des Entminungsdienstes“ fest: „Das gefährlichste Erbe, das der Krieg unserer Stadt hinterlassen hat, sind die großen Mengen an Sprengkörpern aller Art, die, von den unmittelbaren Kampfhandlungen oder Luftangriffen herrührend, noch immer Unheil stiften.“2 Im Jahr 1947 hatte der Entminungsdienst der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit in Wien „338.816 Kilo Bomben, Minen, Flak- und Pakmunition, Handgranaten, Panzerfäuste und andere Sprengkörper entschärft und auf den Sprengplatz im Bombachgraben bei Neuwaldegg gebracht“3. In den öffentlichen städtischen Parkanlagen kehrte nur langsam Ruhe ein. Die Stadt Wien brachte insgesamt bis April 1948 „300.000 m2 Fläche in Ordnung“, darunter den Anzengruberpark, den Modenapark, den Hamerlingpark, den Arne-Karlsson-Park und auch den Schönbornpark – „mehr als 1.000 Alleebäume wurden nachgepflanzt, Splittergräben und 17 Löschwasserteiche wurden entfernt“4.
Nachdem auch zwei im Schönbornpark bestattete sowjetische Soldaten, die im kurzzeitig im Gebäude des heutigen VKM (Gartenpalais Schönborn) eingerichteten sowjetischen Militärspital5 verstorben waren, auf den Zentralfriedhof umgebettet worden waren, konnte langsam auch der Schönbornpark wieder zu einem Freizeit- und Erholungsraum werden, in dem das massivste Erinnerungsmal – der Bunker – in seiner Funktion hinfällig geworden war. Obwohl die Widmung des Gebäudes noch viele Jahre unklar blieb und sich die Verwaltungszuständigkeiten erst noch erweisen mussten, setzt das Interesse unterschiedlicher Protagonist*innen an diesem unvermeidbaren Gebäude im dicht bebauten 8. Bezirk ein. Unterschiedliche Institutionen melden Raumansprüche und Lagerbedürfnisse an. Auch das nahegelegene VKM, das unter dem NS-Regime auf einen Umzug in ein anderes, größeres Gebäude gehofft hatte, beobachtet das nahegelegene Gebäude und seine Nutzungen.
Nachkriegsnutzung von Kriegs- und Schutzbauten in Wien
Die vom NS-Regime in Wien gebauten Kriegs- und Schutzgebäude wurden mit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gebraucht. Die Luftschutzbunker und die drei Flak-Bunkerpaare waren plötzlich funktionslos.
Anders als die meist unterirdischen Bunkeranlagen sind die sechs Flak-Bunker (umgangssprachlich als Flak-Türme bekannt) bis heute in Wien weithin sichtbar und prägen das Stadtbild. Mit Kriegsende wurden diese Türme im dicht bebauten Wiener Stadtgebiet von den Alliierten nicht gesprengt, anders als zum Beispiel in Berlin.6
Zwischen 1945 und 1955 wurden sie hauptsächlich von Truppen der Alliierten genutzt.7 Spätestens mit deren Abzug kam die Frage auf, was nun mit diesen massiven, (noch) gut sichtbaren Bauten geschehen sollte. Der Geschützturm in der Stiftskaserne (7. Bezirk) ist seit 1955 in Verwendung des Österreichischen Bundesheers.8 Im dazugehörigen Befehlsturm im Esterházypark (5. Bezirk) wurde ab 1957 das Haus des Meeres (HDM) eingerichtet.9
Seit Ende der 1950er gab es immer wieder öffentlich diskutierte Pläne (Abb. 1) zur Nutzung der Turmpaare im Augarten (2. Bezirk) und im Arenbergpark (3. Bezirk).10 Der Geschützturm im Arenbergpark wird seit 1991 als Museumsdepot verwendet, zuerst von den Bundesmuseen gemeinsam11 und seit 1995 vom Museum für Angewandte Kunst (MAK).12 Auch das Volkskundemuseum Wien lagerte dort zwischen 1991 und 1993 Objekte ein.13 Dass Kriegs- und Schutzbauten in Wien als Depot für Kunst- und Kulturgüter herangezogen werden, ist also keine Ausnahme. Neben dem Volkskundemuseum Wien (VKM) und dem MAK nutzt auch die Österreichische Galerie Belvedere einen solchen Bau – den unter der Parkanlage gelegenen Tiefbunker – als Objektdepot.14 Der Bunker im Schönbornpark wurde vor der Nutzung durch das VKM zwischen 1947 und 1978 von Magistratsabteilungen der Stadt Wien als Lager für Archivalien und Büchern verwendet.15
Eine andere Nutzungsvariante für die Bunker war, dass diese Gebäude als Fundamente für Neubauten dienten bzw. dienen sollten (vgl. Kapitel 3. „Wem gehört der Bunker?“). Zwischen 1958 und 1962 gab es Entwürfe, die vorsahen, dass fünf der sechs Wiener Flak-Türme als Sockel in Hochhäuser integriert werden sollten.16 Das Gebäude der Volkshochschule Favoriten am Arthaberplatz (10. Bezirk) wurde 1961 schließlich auf dem dortigen Tiefbunker errichtet.17
Wo in Wien noch Luftschutzbunker gebaut wurden und welche Funktionen diese heute haben, ist hier auf der historischen Wissensplattform „Wien Geschichte Wiki“ nachzulesen.

Georg Hoffmann, Direktor Heeresgeschichtliches Museum (HGM) und Luftkriegshistoriker


Vom Zivilschutz zum Objektschutz
Das VKM in Wien besteht seit seiner Gründung 1895 ununterbrochen und auch sein Trägerverein – der Verein für Volkskunde – wurde niemals (auch nicht unter dem NS-Regime) aufgelöst. 1945 wurden wegen vielfältiger Einbindungen und wissenschaftlicher wie ideologischer Engagements mehrere Menschen entnazifiziert und aus dem Dienst entlassen. Der damalige Direktor Arthur Haberlandt (1889–1964) musste ebenso wie andere NS-belastete Mitarbeitende gehen. Mit dem neuen Direktor Leopold Schmidt (1912–1981) benannte sich das Museum in „Österreichisches Museum für Volkskunde“ um. Mit der nunmehrigen Betonung auf dem „Österreichischen“ kam man den Vorstellungen und Vorgaben der Alliierten entgegen, die nicht nur auf die Neutralität Österreichs drängten, sondern auch die Narrative und Dogmen des Nationalsozialismus durch ein gestärktes Österreich-Bewusstsein zurückgedrängt sehen wollten.
Die Betonung eines „harmlosen“ Österreich (legitimiert durch die Moskauer Deklaration von 1943, die Österreich als „erstes Opfer“ des nationalsozialistischen Deutschen Reiches beschrieb) zeigt sich auch darin, dass sich das Land nun vorwiegend als Kulturnation verstand und präsentierte.
Vielleicht mag es nicht verwundern, dass nicht nur der Bunker im Schönbornpark, sondern viele andere Kriegs- und Schutzbauten nach 1945 nicht mehr in ihrer militärischen bzw. zivilschutztechnischen Funktion weiterverwendet wurden. Der Schutz verlegte sich unter anderem von Menschen auf Kunst- und Kulturgüter.
Unsichtbar werden: der äußere Wandel des Luftschutzbunkers Schönbornpark
Woran liegt es, dass der Bunker heute von vielen nicht mehr wahrgenommen werden kann? Im Folgenden soll nachgezeichnet werden, wie das massive Gebäude im Schönbornpark vor aller Augen aus der Wahrnehmung verschwinden konnte.
Bereits 1947 wurde das Dach des Bunkers als Kinderspielplatz eingerichtet18, und wie sich zeigt, wurde die Fläche von da an zumeist als „Spielplatz“ ausgewiesen. Das Attikagesims wurde vermutlich im Zusammenhang mit der Einrichtung des Spielplatzes angebracht. Jedenfalls ist das Gesims auf Fotos, aufgenommen am 8. April 1949, zu sehen (Abb. 2). Auf dem Hauptplan von 195419 (Abb. 3) wird das Flachdach des Bunkers zum Beispiel als „Terrasse Kindespielplatz“ bezeichnet. Laut diesem Plan befanden sich damals 16 Sitzbänke, zwei Sandkisten sowie ein Trinkbrunnen darauf und drei der vier Außenmauern waren begrünt.
21 Jahre später – im Hauptplan von 197320 (Abb. 4) – wird die Fläche auch als „Terrasse Kinderspielplatz“ betitelt. Die 16 Bänke und die zwei Sandkisten sind noch eingezeichnet. Vor, neben und zwischen den Stiegen wurden großflächige gemauerte Pflanzbeete angelegt (Abb. 5, 6 und 7), die es bis heute noch gibt. Die Außenmauern dürften Anfang der 1970er Jahre nicht (mehr) vollständig begrünt gewesen sein. Nach 1973 wurden die Außenmauern verputzt, 1978 präsentierte sich der Bunker kahl und weitgehend trostlos (Abb. 8 und Abb. 9).21
1987 wurde der bis heute vorhandene Trinkbrunnen mit einem Mosaik des Künstlerehepaars Johannes (1947–2021) und Charlotte Seidl (*1948) auf der Fassade zwischen den Stiegen installiert (Abb. 10).22
Durch die andauernde Bezeichnung als Terrasse und Spielplatz in offiziellen Plänen der Parkanlage sowie die kleinen Eingriffe an der und um die Fassade verschwand der Luftschutzbunker immer mehr und fügte sich beinahe bruchlos in die Parklandschaft ein. Heute ist er neben Bewuchs und Trinkbrunnenmosaik außerdem mit Graffitis überzogen (Abb. 11 und 12). Das Flachdach wird auch aktuell als Spielplatz genutzt (Abb. 13).












Mit einem weiteren Aspekt der Nachkriegszeit setzte sich von 10. April bis 7. September 2025 die Ausstellung „Kontrollierte Freiheit. Die Alliierten in Wien – Kulturpolitik 1945–1955“ im Wien Museum auseinander. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Ausstellungskatalog im Residenz Verlag erschienen.
- Vgl. Aleida Assmann: Vergangenheit, die nicht vergeht. Gespaltene Gesellschaften und gegensätzliche Narrative. Wiener Vorlesungen, Band 221. Wien 2023, S. 17.
- Vgl. Rathauskorrespondenz, 22.1.1948, „Die Arbeit des Entminungsdienstes“.
- Vgl. Rathauskorrespondenz, 22.1.1948, „Die Arbeit des Entminungsdienstes“ .
- Vgl. Rathauskorrespondenz, 21.4.1948, „Wiener Parkanlagen wie im Frieden“.
- Vgl. Rolf M. Urrisk-Obertyński: Wien. 2000 Jahre Garnisonsstadt. VII., VIII., IX. und XX. Bezirk. Gnas 2018.
- Vgl. Judith Köhler: Erschließung der Augarten Flaktürme: Themensensible Umplanung des Flakturmpaars im Wiener Augarten zu einer Gedenkstätte. (Diplomarbeit, Wien 2024). S. 60.
- Ebd. S. 60.
- Ebd. S. 19.
- Vgl. https://www.haus-des-meeres.at/geschichte/125.
- Vgl. Judith Köhler: Erschließung der Augarten Flaktürme: Themensensible Umplanung des Flakturmpaars im Wiener Augarten zu einer Gedenkstätte. (Diplomarbeit, Wien 2024). S. 58–95.
- Vgl. Zeitungsausschnitt Kronen-Zeitung vom 27.08.1991 „Baufälliger Flakturm muß gesperrt werden!“
- Vgl. https://www.mak.at/artikel/mak_tower.
- Vgl. Flak-Turm Arenbergpark – Protokoll der vorläufigen Nutzung (18. April 1991 bis 28. Jänner 1993).
- Vgl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Luftschutzbunker.
- Vgl. Bericht zum ehemaligen Luftschutzbunker im Schönborpark, Wien 8. Eine Bestandsaufnahme des Interdisziplinären Forschungszentrums Architektur und Geschichte – iFAG im Auftrag des Volkskundemuseum Wien. Wien 2024. S. 19.
- Vgl. Judith Köhler: Erschließung der Augarten Flaktürme: Themensensible Umplanung des Flakturmpaars im Wiener Augarten zu einer Gedenkstätte. (Diplomarbeit, Wien 2024). S. 82.
- Vgl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Volkshochschule_Favoriten.
- Vgl. Die Verwaltung der Stadt Wien 1945-1947, S. 494. https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/titleinfo/1445540.
- Archiv der MA42, Stadtgartenamt, 08_Schoenbornpark_Entwurf bunt_1954_28166.
- Archiv der MA42, Stadtgartenamt, 08_Schoenbornpark_Hauptplan_1973_1517.
- Vgl. Bericht zum ehemaligen Luftschutzbunker im Schönborpark, Wien 8. Eine Bestandsaufnahme des Interdisziplinären Forschungszentrums Architektur und Geschichte – iFAG im Auftrag des Volkskundemuseum Wien. Wien 2024. S. 19.
- Vgl. https://www.gutgasteil.at/seidls/auftragsarbeiten.


