POV Bunker und Museum nach 1945

Erinnerungen und die Deutung von Vergangenem sind nicht neutral. Vergangene Handlungen und Situationen werden an Erinnerungsorten, von Institutionen oder von Interviewten immer aus der jeweiligen Gegenwart heraus erzählt. Die Gegenwart wirkt folglich auf die Wahrnehmung der Vergangenheit.
Uns ist bewusst, dass Erkenntnisse erinnerungskultureller Forschungen immer aus einer bestimmten Perspektive geschrieben werden. Das ist bei diesem Erinnerungsprojekt nicht anders. Wir erzählen die Biographie dieses Gebäudes aus dem Blickwinkel des Museums, welches wir mit diesem Projekt auch institutionskritisch beleuchten.

Bunker erinnern


Der Bunker im Schönbornpark könnte auch ein Mahnmal sein. Ein beständig gebauter Reiz, der an ein faschistisches, mörderisches Regime und einen für viele traumatisierenden Krieg mit nachhaltigen Folgen erinnert. Ist er aber nicht!
Gebäude offenbaren ihre Geschichte nicht von allein. Man muss sie dazu bringen und sich mit Geduld und auch etwas Einfallsreichtum der Geschichte dahinter annähern. Trotz dieser Hürde sind besonders „kontaminierte“ Gebäude in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Geschichtswissenschaften gerückt.1 Das mag daran liegen, dass heute – 80 Jahren nach dem Ende des NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges – nur mehr wenige Menschen selbst von ihren Erlebnissen berichten können („Ende der Zeitzeug*innenschaft“). Die Forschung hat seit den 1980er Jahren die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit vorangebracht, die viele Aspekte und die langen Wirkungen der Jahre 1938 bis 1945 untersucht hat. Die veränderten Bedingungen mögen zu der Erkenntnis beigetragen haben, dass auch in der NS-Zeit gebaute Infrastrukturen sowie andere von Menschen gemachte Eingriffe in die Landschaft Zeugnis geben können. Damit werden neue bzw. andere Dimensionen und Perspektiven erkennbar und sichtbar, die zu einem veränderten Verständnis beitragen.

Massive Bauten, wie der Bunker im Schönbornpark, eröffnen einen anderen Zeithorizont – von längerer Dauer als ein Menschenleben. Wie bauliche Zeugnisse aus anderen Jahrhunderten bleiben auch sie präsent und begleiten mehrere Generationen – selbst ohne ihre erkennbare Ursprungsfunktion und im Hintergrund. Die Vergangenheit ist also nicht vergangen, sondern wirkt bis in die Gegenwart. Das lässt sich auch am Luftschutzbunker im Schönbornpark aufzeigen, „[d]enn Geschichte hört ja nicht einfach auf, wenn sie vorbei ist. Sie geht in Gebäuden, Straßennamen und Denkmälern in die gebaute Umwelt ein […]“.2 (vgl. Kapitel 2 UNsichtbarwerden)
 

Bunkereigenschaften


Die Geschichte des Bunkers im Schönbornpark ist spröde und unzugänglich. Sie ist wie das Gebäude selbst: massiv unsichtbar. Die Bunkerfaszination, die in den letzten Jahren zur Erforschung einiger Wiener Bunkerbauten und zu Führungen in den Gebäuden geführt haben, bezog sich weitgehend auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges, obwohl mit den Bunkern darüber hinaus noch viel mehr als (Luft-)Krieg und Zivilschutz erzählt werden kann.
Mit Kriegsende verlor auch der Bunker im Schönbornpark – wie viele andere Kriegsgebäude – seine ursprüngliche Funktion. Nach 1945 war er zunächst offensichtliche und manifeste Erinnerung an die unmittelbare, gewaltvolle Vergangenheit in einer kriegsversehrten Umgebung. Zum Unterschied zu anderen Bauten wie etwa Verwaltungs- oder Regierungsgebäuden, die relativ nahtlos weiterverwendet wurden, entzog sich dieser Bunker durch seine spezifische Funktion (Schutz von Zivilpersonen vor Luftangriffen) – auch unterbunden durch die Anwesenheit alliierter Truppen in Österreich bis 1955 – einer pragmatischen Weiternutzung. Er wurde nicht „absichtlich“ weitergenutzt, also beispielsweise für bestimmte Zwecke gewidmet/definiert. Er blieb aber auch nicht „absichtlich“ ungenutzt, weil etwa die ideologisch-propagandistische Einschreibung des NS-Regimes oder deren Kriegsverbrechen eine weitere Nutzung erschwert hätten.
Der Bunker war bis 2023 ein Ort, an dem Dinge gelagert wurden (vgl. Kapitel 3 „Wem gehört der Bunker?“). Weitgehend getrennt davon wurde das Außen, vor allem die Dachfläche, genutzt (vgl. Kapitel 2 UNsichtbarwerden) und war in den 1980er Jahren sogar Schauplatz einer Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Interessensgruppen wie dem 8. Bezirk, Stadt Wien, Bürger*inneninitiativen und dem Volkskundemuseum Wien (VKM, vgl. Kapitel 3 „Josefstädter Bunkerkrieg“).

Wie erinnert man ein Gebäude?


Trotz vereinzelter Vorarbeiten zur Erschließung der Unterlagen sind die zum Bunker und zum Thema Luftschutz aufbewahrten Archivalien (Korrespondenzen, Pläne, Fotografien, Zeitungsausschnitte, Notizen etc.) bisher noch weitgehend unbearbeitet. Unser Zugang ist es hier, unterschiedliche Materialien und Wege zu wählen, um möglichst breitgefächert auf die Geschichte des Bunkers blicken zu können: Neben thematischer wie auch methodischer Fachliteratur haben wir drei weitere Informationsquellen herangezogen. Dabei war uns wichtig, möglichst nahe an dem Gebäude und der langjährigen Verbindung mit dem VKM zu bleiben. Daraus ergibt sich, dass vor allem die Materialien aus dem Archiv des VKM Ausgangs- und gleichzeitig Mittelpunkt unserer Aufarbeitung der inzwischen 85 Jahre umfassenden Gebäude-Biographie sind (Abb. 1–4).
Die sich aus den Archivalien ergebenden Erkenntnisse werden zum einen durch spezifische Aspekte der historischen Zusammenhänge von Expert*innen ergänzt und eingeordnet. Zum anderen geben Interviews mit Zeitzeug*innen, die im Oral-History-Projekt der Österreichischen Mediathek „MenschenLeben“ entstanden sind und dort aufbewahrt werden, persönliche Einblicke in Geschehenes. 

Abbildung 1: Archivalien zum Luftschutzbunker Schönbornpark aus dem Archiv des Volkskundemuseum Wien; Foto: Maria Raid © Volkskundemuseum Wien
Abbildung 1
Abbildung 2: Archivalien zum Luftschutzbunker Schönbornpark aus dem Archiv des Volkskundemuseum Wien; Foto: Maria Raid © Volkskundemuseum Wien
Abbildung 2
Abbildung 3:Archivalien zu Luftschutz aus dem Archiv des Volkskundemuseum Wien; Foto: Maria Raid © Volkskundemuseum Wien
Abbildung 3
Abbildung 4:Einblick in einen Archivordner über den Luftschutzbunker im Schönbornpark; Foto: Magdalena Puchberger © Volkskundemuseum Wien
Abbildung 4
 

Mehr zur Methode der Oral History erfahren sie hier vom Historiker Gerhard Jagschitz in der Online-Ausstellung der Österreichischen Mediathek.

  1. Vgl. dazu z. B. Richard Hufschmied et al. (Hg.): ErinnerungsORTE weiter denken. In Memoriam Heidemarie Uhl. Wien, 2023; Ingrid Böhler et al. (Hg.): Ver/störende Orte. Zum Umgang mit NS-kontaminierten Gebäuden. Berlin, 2024.
  2. Vgl. Aleida Assmann: Vergangenheit, die nicht vergeht. Gespaltene Gesellschaften und gegensätzliche Narrative. Wiener Vorlesungen, Band 221. Wien 2023, S. 51.